Brief an eine Verstorbene

In Gedenken an Mella Dumont

Liebe Mella,

seit ein paar Tagen weiß ich, dass du die irdische Welt am 7. April 2020 verlassen hast. Du bist nur 44 Jahre alt geworden.

Dein letztes Foto hast du am 12. März 2020 auf Facebook und Instagram gepostet. Es ist eine etwas verwackelte Aufnahme eines Untersuchungsraums (?)  im Krankenhaus, von einem (deinem?) Bett sieht man nur ein kleines Stück.

„Krankenhaus“ hast du dazu geschrieben. Mehr nicht.

Im Beitrag davor war von Männergrippe am Frauentag die Rede, von einer fiesen Bronchitis und „ordentlich“ Fieber.
Mehr weiß ich nicht und mag auch nicht herumspekulieren. Es würde nichts ändern.

Wichtig sind andere Sachen.

Es tut mir so leid. Für dich, für deine Angehörigen, deinen Freundeskreis und deine Katzen. Auch für deine unzähligen LeserInnen, die nun keine neuen Romane von dir werden lesen können. Bestimmt hattest du mindestens einen in Arbeit, wie eigentlich immer, seit du mit dem belletristischen Schreiben begonnen hast.


44 Jahre, das ist so jung. Viel zu jung. Viel zu früh. Ich erinnere mich noch an unser Telefonat am Abend vor deinem 40. Geburtstag. 40 ist ein tolles Alter, finde ich. Du hattest Kuchen gebacken, warst guter Laune, erzähltest von Plänen und Projekten und gabst mir wertvolle Tipps zu einem Plot.

Wir beide haben uns 2012 auf Twitter kennengelernt, das ist acht Jahre her.

Damals gab es noch keine Mella Dumont. Es gab dich als Frau mit deinem privaten Namen, welchen ich hier nicht nenne, weil ich nicht weiß, ob dir oder deiner Familie das recht wäre.

Du hattest einen herrlichen, klugen Humor, twittertest übers Laufen, über Ponys, deinen Neffen, schlechtes Fernsehen, Getränke-Experimente, die Fußball-Europameisterschaft und viele andere Dinge. Unser Kontakt war recht rege damals, wir hatten auf Twitter viel Spaß miteinander. Dir gefielen die Fotos meiner selbstgehäkelten Figuren. Du hast Kurzgeschichten von mir gelesen, besonders eine gefiel dir richtig gut. Du warst an meiner Arbeit als freiberufliche Texterin interessiert. Dabei hatte ich gar nichts Großartiges vorzuweisen.

Dein erstes Selfpublishing-Buch entstand irgendwann zwischen Weihnachten 2012 und Neujahr 2013, glaube ich. Es war ein Ratgeber zum Laufen, den du in Überschallgeschwindigkeit fertiggestellt hast. Es folgten weitere Ratgeber zu Sachthemen, mit denen du dich auskanntest. Eins der Bücher wurde ein richtig großer Erfolg, sogar einen wichtigen Selfpublisher-Preis hast du damit gewonnen.

Aber da war noch etwas anderes, was du machen wolltest: Romane schreiben.

Und das tatest du.

Dein erster Liebesroman, der so viel mehr war als „nur“ das, erschien unter einem Pseudonym. „Irgendwie“ kam es dazu, dass ich die zweite Person war, die für dein Romandebüt ein Lektorat und ein Korrektorat durchgeführt hat. Schon damals wurde mir schnell klar, dass du die Sache ernst nimmst, selbstkritisch bist und wissbegierig. Da war mir zum Beispiel in den ersten Kapiteln ein bestimmtes, nebensächliches Thema zu präsent. Ich sprach dich darauf an, mit einer Ahnung im Hinterkopf. Diese Ahnung hat mich nicht getäuscht. Das Thema hatte mit einer deiner persönlichen Schwächen zu tun. Du hast meine Kritik angenommen und das Thema reduziert.

Auch die Ratschläge, die ich dir erst zurückhaltend zur Absatzformatierung gab, weil viele Schreibende sich dafür wenig bis gar nicht interessieren … diese Ratschläge wolltest du alle hören.

„Nein, sag, das ist wichtig!“, war deine Reaktion.

Dann wolltest etwas anderes ausprobieren. Einen Thriller wolltest du schreiben, in den du berufliches Fachwissen einfließen lassen kannst. Und so schriebst und veröffentlichst du diesen Thriller in Rekordzeit. Er erschien unter einem neuen Pseudonym.

Überhaupt warst du eine Frau, die die Dinge wirklich anpackte. Die ihre Ideen umsetzte. Nicht lange fackelte, sondern losschrieb. So ganz anders als ich, die sich dreht und windet, zweifelt und viel zu viel denkt.

Du wolltest deine Cover selbst gestalten. Erste Schritte in Photoshop, erste Fragen, Flüche, egal. Du hast weitergemacht und schließlich wunderschöne Cover gestaltet in deinem ganz eigenen Stil. Wiedererkennungswert, auch so etwas Wichtiges, was du schnell verstanden hast.

Ja, du hast als Autorin alles richtig gemacht.

„Wie findest du ,Mella Dumont‘?“, fragtest du mich eines Tages per Direktnachricht auf Twitter.
„Super!“, antwortete ich und meinte es auch so.

Dieses Pseudonym blieb bis zum Schluss.

Ein neuer Liebesroman entstand. „Herzensrache“.

2014 entstand „Himbeermond“, ein Urban-Fantasy-Roman. Es war und ist der erste Band der Colors-of-Life-Reihe. Eine Trilogie wolltest du schreiben, hattest du mir mal geschrieben. Es wurden schließlich sechs Bände. Obendrauf zwei eigenständige Spin-off-Romane. Zwischendurch und parallel zur Überarbeitung eines Color-of-Life-Romans schriebst du mal eben in wenigen Wochen einen Zeitreiseroman, reichtest ihn 38 Minuten vor Ende der Deadline zur Teilnahme am Kindle-Storyteller-Award 2015 ein und wurdest damit für die Shortlist ausgewählt. Wahrscheinlich war niemand so knapp dran wie du.
Was dann passiert ist, überraschte dich selbst: Von über 1000 Einsendungen ist „Als die Zeit vom Himmel fiel“ als einer von fünf Romanen in die Shortlist aufgenommen worden.

Du wolltest unbedingt eine Dystopie schreiben und hast es gemacht. Zwei Bände Siebensterne, „Isle of Seven“ und „Isle of Us“.

Und, und, und …

Du hast so viel Erstaunliches geleistet, liebe Mella. Klar, du hattest auch deine schwierigen Momente, am Anfang, als es Neider und Kritiker, 1-Sterne-Rezensionen und Schmäh-Kommentare gab. Menschen, sogar scheinbare Freunde, auch im echten Leben, die nicht ernstgenommen haben, was du tust. Du hast schlecht geschlafen deswegen. Geschimpft. Vielleicht auch gezweifelt. Dich geärgert. Wütend warst du, ja.

Aber du hast weitergemacht. Dich nicht unterkriegen lassen, stoppen schon mal gar nicht. Du hast deine Erfolge gefeiert, mit Recht. Den ersten Platz-1-Kindle-Bestseller mit Schampus, wie sich das gehört. Ich habe es dir so gegönnt und mich mit dir gefreut. Habe endlos gestaunt.

Wenn ich mich nicht verzählt habe, sind seit 2014 von Mella Dumont 18 (!) Romane veröffentlicht worden. Es gab Zeiten, da sah ich mehrere deiner Romane gleichzeitig in den Top 100 bei Amazon. Immer wieder warst du auf Platz 1 zu finden, manchmal wochenlang.

Ganz oft habe ich mich gefragt, wie du das schaffst. Wo Mella Dumont so viel Energie, Willenskraft, Durchhaltevermögen, Zeit und Kreativität hernimmt.

Aber diese schriftstellerische Leistung, die du vollbracht hast, sie war nicht alles, was dich ausgemacht hat. Da war auch dieser besondere, aufmerksame Mensch, der mir bei einmal sehr geholfen hat und den ich gerne einmal persönlich getroffen hätte. Ja, wirklich, sehr gerne. Ich weiß nicht, ob wir uns im echten Leben gut verstanden hätten. Vielleicht nicht. Vielleicht doch. Wir waren sehr verschieden. Eventuell hätten wir uns ganz gut ergänzen können. Ich hätte dich gerne so viele Sachen gefragt, aus deinem Leben, über dich. Hätte gerne deine Geschichte gehört. Und mit dir gelacht und gequatscht, nachgedacht, Ideen ausgebrütet und spazieren gegangen.

Nun ist es zu spät dafür.

Vielleicht sehen wir uns eines Tages, dort, wo du jetzt schon bist.

Und dann möchte ich dich etwas ganz Besonderes fragen.
Etwas, das Lebende nicht beantworten können.

Heidi.

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In Gedenken an Mella Dumont

Stillstand
oder Depression und Schreiben in den Zeiten der Coronakrise

Glücklicherweise sind meine Familie und ich nur indirekt von Convid-19 betroffen. Bei uns ist niemand an Corona erkrankt, niemand musste in Quarantäne, und das bei vier Personen, von denen drei zu Risikogruppen gehören. Die einzige, die nicht dazugehört, bin ich.

Insofern „alles gut“, könnte man meinen. Könnten SIE meinen. Doch ganz so einfach ist es leider nicht. Dafür werde ich ein bisschen ausholen müssen. Hoffentlich wird es Ihnen nicht zu viel.

Also.

 

Aktuelle Studien haben ergeben Quatsch.

Stellen Sie sich vor, Ihnen wächst ein Hinkelstein am Rücken und Sie sind  nicht Obelix, sondern … sagen wir mal … der Poeti Schlumpf. Oder in diesem Falle die Poeti Schlumpfine.

Nun, diese Schlumpfine sind natürlich nicht Sie. Das bin ich. Und der Hinkelstein ist meine Depression. Meine rezidivierende Depression, um genau zu sein. Sie ist mal stärker, mal schwächer. Stellen Sie sich das vielleicht am besten so vor: Ab und zu kommen Vögel vorbei und picken etwas ab von dem Hinkelstein. Dann ist alles leichter, unbelasteter. Und dann kommt ein Riese dahergelatscht und packt Beton drauf. Als sei das nicht genug, legt sich der Riese manchmal noch obendrauf und drückt mich ganz nach unten.

Es ist nicht so, dass ich deswegen ständig weinend durch die Gegend laufe. Weinen passiert eher als innere Reinigung, wenn alles zu viel wird. Meistens jedenfalls. Meine Symptome bestehen größtenteils aus fehlendem Antrieb und Konzentrationsstörungen.

In der Vergangenheit gab es durchaus symptomfreie Lebensphasen, aber die sind schon ziemlich lange her. Phasen voller Energie, Lebenslust, Freude. Mit Zielen, die verfolgt und erreicht wurden. Ich weiß nicht, ob solche Phasen jemals wiederkommen.

Der Grundstein für den Hinkelstein wurde in meiner Kindheit gelegt. Im Elternhaus. Ich erkrankte früh an Angststörungen und später an ausgewachsenen Phobien, die während der Pubertät begangen, im Alter zwischen 16 und Anfang 20 zunahmen und durch Klinikaufenthalte sowie ambulante Therapien nachließen. Einige verschwanden sogar vollständig.

Geblieben ist ein Ur-Problem, wie ich es nenne. Es war immer da und wird vielleicht immer bleiben. Im Laufe meines Lebens hat es mich mal vollständig, mal weniger, mal mehr beeinflusst. Inwischen bin ich übrigens 58.

Die erste depressive Episode, die mir fast klischeehaft durch häufiges, scheinbar grundloses Weinen und das wochenlange Tragen von dunkler Kleidung selbst auffiel, trat mit ungefähr 25 auf. Damals war es tatsächlich nur eine Phase, Hase, sozusagen. Sie verschwand wieder und ließ mich viele Jahre lang in Ruhe, die Depression.

Seit rund zehn Jahren schleicht sie aber ständig um mich herum. Berufliche und private Veränderungen haben dazu geführt, dass der Hinkelstein immer da ist. Nach vier Jahren ambulanter Verhaltenstherapie, die ich nach einem Mega-Burnout und dem Tod meines Vaters begann, ging es mir gut. Meine wundervolle Therapeutin und die kleinen Vögel hatten ganze Arbeit geleistet.

Einige Monate später, nach der Veröffentlichung meines ersten Romans „Ein Herz aus Marmelade“, kamen der Riese wieder. Und zum ersten Mal trat mein inzwischen chronisches Handekzem (Dishydrosis) auf, das mir seitdem alljährlich von März bis Oktober fiese Schmerzen beschert, mich bei allen Tätigkeiten einschränkt und den Riesen gar nicht mehr weggehen lässt. Dennoch hielt ich Lesungen, schrieb ein paar Kurzgeschichten und arbeitete vorwiegend in den beschwerdefreien Zeiten ab Oktober an meinem zweiten Roman weiter. Bis im nächsten Frühjahr das Handekzem zurückkam. Und damit der Riese.

Mittlerweile kenne ich die meisten Symptome, die mit einer Depression verbunden sein können. Eines blieb mir immer erspart: die Suizidalität. Mir etwas anzutun, das war niemals eine Option, egal in welchem Zustand ich durch mein Leben kroch.

Bis am 1. Oktober 2019 meine kleine Hündin Daisy im Alter von rund 19 Jahren eingeschläfert werden musste. Die ersten geschätzt zehn Tage waren erstaunlicherweise gar nicht so schlimm. Das Jahr vor ihrem Tod war sehr anstrengend gewesen, mit einem alten, kranken, inkontinenten Hund. Ich war rund um die Uhr bei ihr in diesem Jahr, schlief bei ihr, passte auf sie auf,  ging nachts um drei noch mal mit ihr raus und stand ihretwegen um halb sechs wieder auf. Insofern waren vielleicht die ersten zehn Tage tatsächlich eine Phase der Erleichterung.

Doch dann legten sich gleich zwei Riesen auf den Hinkelstein. Ich weinte drei Wochen lang rund um die Uhr durch, bis ich mich in der beinahe desaströsesten Verfassung seit meiner Erinnerung befand. Wenn ich alleine zu Hause war, schrie ich vor innerlichem Schmerz. Ich hatte weder mich noch irgend etwas unter Kontrolle und wollte lieber sterben, als diese Qualen weiter ertragen zu müssen.

Daisy war der Anker in meinem Leben. Für sie hatte ich Verantwortung. Sie gab meinem Alltag wenigstens etwas Struktur. Struktur ist für Depressive enorm wichtig. Eine Überlebensstrategie. In den schlimmen Phasen der Depression bin ich morgens nur ihretwegen aufgestanden und nach draußen gegangen. Ansonsten wäre ich einfach im dunklen Zimmer im Bett geblieben, ja.

Eigentlich hatten wir, also mein Mann und ich, gar nicht an einen neuen Hund gedacht. Schon damals, bevor Daisy kam, hatte ich ihn überreden müssen. Und dieses Mal stand ich nun da und BRAUCHTE einen neuen Hund, um weiterexistieren zu können. Es war nicht leicht, das zu erreichen.

Ende November zog Mika bei uns ein. Eine kleine, junge Mischlingshündin vom Tierschutz, ehemalige Straßenhündin aus Rumänien. Eine lustige, agile, schlaue, aufmerksame und lernwillige kleine Hundedame, die mir so unglaublich gut tut. Mika hat wieder Sinn und Freude in mein Leben gebracht. Ich hatte jedes Schreibprojekt abgebrochen, viel Zeit nur für Mika reserviert, mit ihr trainiert und gearbeitet – und wollte ab Februar am zweiten Roman weiterschreiben. Damit begann ich auch. Und ich las auch endlich Korrektur des fünften (oder schon sechsten?) Bandes der Selfkant-Anthologie unter der „Regie“ des Journalisten und Krimiautors Kurt Lehmkuhl, in dessen Schreibteam ich seit zehn Jahren fester Bestandteil bin. Der Entwurf einer neuen Kurzgeschichte lag bereit und musste von mir „nur noch“ geschrieben werden.

Kurz danach wurde mein Mann krank. Fast zeitgleich hatten wir hier im Kreis Heinsberg, wo wir wohnen, den ersten Coronafall in Nordrhein-Westfalen. Das Virus kratzte sozusagen an unserer Haustür. Eine Zeit voller Sorgen, Unsicherheiten und Veränderungen für uns alle begann.

Seitdem ist vieles anders geworden, obwohl ich eh fast immer zu Hause bin. Insofern erschien mir alles ein wenig surreal in unserem kleinen Städtchen. Gespenstisch. Wie sonst auch ging ich mit Mika raus. Wir konnten am Wochenende einkaufen fahren wie immer und bekamen auch fast alles, nur mit dem Klopapier war es etwas schwierig. Der persönliche Kontakt zur Oma beschränkte sich eine Zeitlang auf das Vorbeibringen von Einkäufen. Hier und da fiel ein Termin weg, aber sonst hatten wir mit Beschränkungen wenig zu tun.

Was mir allerdings enorm zugesetzt hat, war die veränderte häusliche Situation, obwohl sie mit Corona gar nicht im Zusammenhang stand. Theoretisch hätte es aber auch eine Zeit der häuslichen Quarantäne sein können, die uns zum Glück erspart geblieben ist. Die Krankschreibung meines Mannes belief sich über zwei Monate. Diese zwei Monate waren es, die es für mich zu überstehen galt. Meine Tagesstruktur konnte ich nicht mehr realisieren, und so etwas ist für Menschen mit Depression ziemlich schlecht.

Ein Beispiel. Üblicherweise schreibe ich im Esszimmer. Vor einigen Jahren habe ich mein ehemaliges Homeoffice aus verschiedenen Gründen gegen das Esszimmer eingetauscht. Nun ist es kein Esszimmer, wie man sich das vielleicht üblicherweise vorstellt. Schick und gemütlich, ein separater Raum. Nein. Es ist ein karges Durchgangszimmer. Jeder, der in diesem Haus in den Keller, in die kleine, offene Küche, in das Bad mit dem einzigen WC (ja, unser Klo liegt Tür an Tür mit der Küche), in den Abstellraum, den Innenhof und/oder den Garten gehen will, der muss in oder durch dieses Esszimmer. Wundern Sie sich gerne, aber ich habe dieses Haus nicht gebaut.

Wenn mein Mann tagsüber in der Firma arbeitet, habe ich in diesem Esszimmer meine Ruhe. Niemand durchquert mehrmals in der Stunde den Raum. Nur Mika ist bei mir, früher war es Daisy. Ich kann mir alles so einteilen, wie es gut ist für mich. Meine eigene Struktur entwickeln. Schreiben, Gedanken fließen lassen oder andere Dinge tun, in den Garten gehen. Ich kann mir aussuchen, wann ich mich um den Haushalt kümmere, weil ich dann niemanden störe.

Seit mein Mann krankgeschrieben ist, habe ich aufgehört zu denken. Mein Kopf ist leer, der Hinkelstein groß, der Riese lauert bereits vorm Fenster. Ich habe alles eingepackt und auf später verschoben, was ich mir vorgenommen hatte. Meine Konzentration lässt täglich mehr nach und ich komme nicht klar damit. Ich muss spontan reagieren können, was mir schwerfällt. Ich schlafe mehr, als ich sollte. Ich nehme die Dinge nur noch so hin, bin zu keinem Widerspruch mehr fähig und vergesse ständig, was ich eigentlich tun wollte.

Es ist noch lange nicht vorbei. Mein Mann, den ich übrigens wirklich liebe, also zweifeln Sie bitte nicht daran … also mein Mann arbeitet nun im Home-Office, wegen der Corona-Richtlinien der Firma. Niemand kann sagen, wie lange noch. Aber es ist für mich besser als vorher, da er eben im Büro arbeitet. Es ist ruhiger geworden, doch ich brauche noch ein wenig Zeit, um mich auf diese erneute Veränderung einzustellen.

Das Thema „Corona“ ist für mich unerträglich geworden. Corona ist überall. Mein Gefühl ist, dass es um nichts anderes mehr geht. Und das nicht erst seit Ende Februar, sondern schon viel länger. Die vielen Lockerungen bereiten mir Sorgen und ich würde Herrn Armin Laschet gerne packen und schütteln, weil ich finde, dass er es übertreibt. Wir sind noch mitten in der Krise, das Risiko wird größer, langsamere Schritte zurück in die „Normalität“ wären imho vernünftiger und sicherer für uns alle gewesen. Es mag sein, dass ich mich irre. Klar.

Die Treffen mit dem Schreibteam als Anregung, Motivation oder einfach nur zum Führen von guten Gesprächen mit lieben Menschen, die inzwischen zu Freundinnen und Freunden geworden sind, fehlen mir unsäglich. Sie waren und sind wichtig für mich. Dann ist die Depression nicht präsent, bei diesen Treffen.

Nun ist alles zu einem grauen, geschmacklosen Brei geworden. Ich schaffe nichts von dem, was ich tun müsste und sollte. Nicht beim Schreiben, nicht im Haushalt, nicht mit Mika, mit der ich noch so viel üben und trainieren wollte.

Das einzige Highlight in dieser Zeit war die positive Rückmeldung zu einer Textprobe für eine Kurzgeschichte, die Teil einer Ausschreibung für eine Anthologie werden sollte. Es war wirklich die einzige Sache, die ich außer der Reihe geschafft habe und die mir seit Beginn meines persönlichen Ausnahmezustands im Februar wirklich richtig wichtig war. Es hat mich stolz gemacht. Ja, die Teilnahme hätte mir gutgetan, mich aufgebaut, nach über zwei Monaten des Ausharrens im gefühlten Nichts.

Mir fehlte eine halbe DIN-A4-Seite. Ich habe den Abgabetermin um die lächerliche Zeit für eine halbe DIN-A4-Seite verkackt, weil ich zu erschöpft, zu leer und zu abgelenkt war.

Ja, es hat mich mitgenommen. Und ja, ich habe mich über mich selbst geärgert. Vielleicht mache ich einen Roman draus, wer weiß.

Vielleicht schreibe ich auch endlich meine Lebensgeschichte auf, deren Titel schon seit Jahren feststeht. Bis jetzt fehlte mir die Kraft dafür. Ich müsste in alten Tagebüchern lesen, alte Kalender heraussuchen, mich mit einer Vergangenheit befassen, die tief in mir vergraben ist. Beim letzten Versuch wurde der Hinkelstein zu groß, um weiterzumachen.

Aber heute. Heute war ein guter Tag. Und mein Mann kümmert sich nach dem Homeoffice-Feierabend fleißig um den Garten, weil ich es wegen des Handekzems nicht mehr tun kann. Meine Stieftochter hatte schöne neue Nachrichten beruflicher Art für uns, ich habe geputzt und … eine halbe Stunde nach Mitternacht … endlich diesen vielleicht viel zu langen Blogartikel fertiggestellt. Der Hinkelstein fühlt sich leichter an heute.

Danke fürs Lesen. Und bleiben Sie gesund.

 

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oder Depression und Schreiben in den Zeiten der Coronakrise

Liebe Home-Office-Worker, ich habe da was für Sie.

Aus aktuellem Anlass und aus tiefem, ehrlichen Mitgefühl für all die neuen, coronakrisenbedingten Home-Office-Worker, die sich in freiwilliger oder auch unfreiwilliger Quarantäne befinden, womöglich umgeben von Familienmitgliedern, Haustieren oder WG-Bewohnern, whatever:

Seien Sie sich sicher, dass ich Sie verstehe!

Und ja, diese Kurzgeschichte basiert auf tatsächlich stattgefundenen Ereignissen, vielleicht wurde an zwei oder drei Stellen ein wenig zugespitzt.

Text und Bilder (sagen Sie nichts, ich weiß, dass ich nicht zeichnen kann) wurden bereits vor Jahren als Printversion beim jmb-Verlag in Hannover veröffentlicht. Vielen lieben Dank an dieser Stelle noch einmal an Jens Bolm, dass er mich damals kontaktiert hat, weil ihm die Geschichte so gut gefiel.

Die kleine, einmalige Auflage ist nur noch im gut sortierten Gebrauchtwarenonlinehandel zu finden und vielleicht bei mir zu Hause in irgendeinem Schrank.

Eins noch: Bleiben Sie bitte gesund!

 

TAGE IM HOME-OFFICE

Eine Kurzgeschichte von Heidi Hensges

Haben Sie jemals den Wunsch verspürt, von zu Hause aus zu arbeiten? Weil es so praktisch ist? Da geht es Ihnen wie mir. Ich habe auch einmal den Wunsch verspürt, von zu Hause aus zu arbeiten. Besser gesagt: Im Grunde hatte ich keine andere Wahl. Als mein Lebensgefährte (der Einfachheit halber nachfolgend „L.“ genannt) mich endgültig in ein Straßendorf am Niederrhein nahe der niederländischen Grenze entführen wollte, stellte sich nämlich ein Problem: mein Fulltime-Job in einer kleinen Mönchengladbacher Werbe- und Onlinemarketingagentur. Mit fünfundvierzig bis fünfzig Wochenstunden.

Das wiederum bedeutete, dass es nach meinem Umzug von der Stadt aufs Land exakt drei Möglichkeiten gab: Kündigung, Home-Office oder ich fuhr täglich mit Bus und Bummelzug von Heinsberg nach Mönchengladbach und abends wieder zurück, was theoretisch natürlich geht. In meinem Falle wäre nur am Ende des Tages keine Zeit mehr übrig geblieben und am Ende des Monats kaum noch Geld. Bahnfahrkarten gibt es nicht gratis, mein Gehalt war eher bescheiden und wir verfügten nicht über zwei Autos. Was aber auch nichts genützt hätte, da ich gar nicht Auto fahre. Ich bin eine Nichtautofahrerin. Ergo fiel die Entscheidung auf das Home-Office.

„Chef, wir müssen reden“, sagte ich also mutig zu meinem Chef. Drei Tage später redeten wir, mein Chef und ich. Darüber, was ihn, uns, die Agentur und den Rest der Welt erwartete. Er murmelte irgendwas von gezogener Arschkarte. Er sagte, dass er nie, wirklich niemals jemanden nur von zu Hause aus arbeiten lassen wollte. Zu seiner Ehrenrettung muss ich sagen, dass mein Chef ein toller Mensch war. Ob er das heute noch ist, weiß ich nicht, da er nicht mehr mein Chef ist, sondern mein Ex-Chef. Mein Ex-Chef hatte auch eine tolle Ehefrau, die quasi meine Chefin war und nun meine Ex-Chefin ist.

Zu dritt fanden wir schließlich eine prima Lösung für unser aller Problem: alternierende Telearbeit. Was für Ungeübte kryptisch klingt, ist im Grunde ganz einfach: Man arbeitet größtenteils von zu Hause aus und ist ungefähr einen Tag pro Woche in der Firma.

Also kündigte ich meine sehr gemütliche, sehr schön gelegene, sehr helle und sehr ruhige Single-Wohnung in Mönchengladbach und zog inklusive meiner beiden Wellensittiche Tilly und Bibo etappenweise in ein altes, verwinkeltes, einfachverglastes, dunkles, sanierungsbedürftiges und direkt an einer Durchfahrtstraße gelegenes Einfamilienhaus zu L. und seiner damals siebenjährigen Tochter.

Nach akribischer Planung unter Zuhilfenahme maßstabgerechter Papierschnipsel richteten wir das Home-Office in einem zugigen Durchgangszimmer zwischen Flur und Schlafzimmer ein. Ich schaffte mir noch ein Faxgerät und, sozusagen als Frischluft- und Bewegungsmotivator, eine kleine zweijährige Promenadenmischung namens Daisy an. Wenn mein Chef nicht in seinem Büro war, liefen die Anrufe per Rufumleitung bei mir auf. Es konnte losgehen. An einem Montag im Februar 2004.

Ich hatte ja keine Ahnung. Lesen Sie mein Protokoll.

 

Tag 1. Montag.

Ich sitze pünktlich um 9 Uhr am Computer und beginne mit dem grafischen Layout für eine Internetseite. Mein Chef ist nicht online. Mein einziger Kollege, ein 30-jähriger Praktikant, auch nicht. Macht nichts, ich brauche niemanden und freue mich über ein komplett neues Arbeitsgefühl voller wilder Freiheits- und Selbstbestimmungsfantasien.

Um 10 Uhr ruft meine Chefin an und fragt mich, wie sich das so anfühlt im eigenen Home-Office. „Super!“, strahle ich breit durch den Hörer und gehe zugunsten der akustischen Qualität in den Flur, weil draußen der Müllwagen unterwegs ist. Wir bequatschen ein bisschen was Geschäftliches und ich arbeite fröhlich weiter.

Um 12.50 Uhr ist ein erster Layoutentwurf fertig, das läuft ja prima! Ich lade die Dateien auf den Agenturserver hoch, will Mittagspause machen und eine Instant-Chinasuppe löffeln, als das Telefon klingelt. Mein Chef muss plötzlich zu einem Auswärtstermin und aktiviert die Rufumleitung. Ich lasse die Suppe Suppe sein und flitze Gassi mit dem Hund.

Um 13.30 Uhr scripte ich etwas furchtbar Kompliziertes in PHP. Das Telefon klingelt wieder. Meine beste Freundin, die in der gleichen Straße einige Häuser weiter rechts wohnt, ist dran. Ihr ist langweilig und sie will in zehn Minuten kurz auf einen Kaffee vorbeikommen. Ich sage dummerweise zu.

Um 14 Uhr klingelt es an der Haustür, als ich wieder vom Flur aus (die Kühe gegenüber üben gerade Muhen) mit einem ziemlich wichtigen Kunden telefoniere, der sich zum Glück nicht am Geschnatter der Wellensittiche stört. Der Paketbote wuchtet ungefragt ein 15-Kilo-Paket Katzenfutter für Nachbarn von irgendwo gegenüber in unseren Hausflur, während ich das Gespräch unterbreche und nach meiner Freundin Ausschau halte. Sie ist noch nicht in Sicht. Ich scripte weiter, schwierig, schwierig.

Um 15 Uhr kommt meine Freundin samt Kind und Kuchen und bleibt eine ganze Stunde lang. Sie findet es total toll, dass ich jetzt immer zu Hause bin, sagt sie. Da könne man ja öfter zusammen Kaffee trinken. Mein Script ist noch nicht fertig.

Um 16.30 Uhr stelle ich fest, dass ich dummes Zeug gescriptet habe. Bis zum Feierabend sind es noch neunzig Minuten.

Um 16.50 Uhr kommen L. und seine Tochter nach Hause. Ich telefoniere mal wieder, in diesem Fall wegen eines lärmenden Milchlasters vom Kinderzimmer aus. Großes Hallo überall. Der Onlinemarketingmann am anderen Ende der Leitung fragt irritiert, ob wir vielleicht besser später weiterreden sollen. Ich sage ihm, dass ich in zehn Minuten zurückrufe, komme aber erst nach fünfundzwanzig Minuten dazu.

Pünktlich um 18 Uhr springe ich ohne Umwege direkt aus dem Schreibtischstuhl in die Küche an den Herd und koche Spaghetti mit Tomatensoße. Mittendrin ruft mein Chef an. Er fragt, wann ich mit dem Script fertig bin und teilt mir mit, dass er morgen Vormittag nicht in der Agentur, sondern bei einem Kunden in Düsseldorf ist. Die Spaghetti sind zu weich geworden.

Um 19.30 Uhr setze ich mich müde wieder ins Büro und quäle mich noch eine Stunde lang durch unerklärliche PHP-Fehlermeldungen. Die Stunde, in der ich mit meiner Freundin gemütlich Kaffee getrunken habe. Danach bügele ich Wäsche von drei Personen, wasche ab, räume die Küche auf und schwanke irgendwann ins Schlafzimmer.

 

Tag 2. Dienstag.

Um 7.30 Uhr gehe ich mit dem Hund raus, dusche anschließend, entsorge die Frühstücksreste von L. und seiner Tochter, wische Margarine, Honig und Leberwurst von der Arbeitsplatte, fege Körnerbrotkörner, Wurstzipfel und Käsereste vom Fußboden, stelle die Waschmaschine an, räume den Abwasch vom Abend weg, bringe den Müll raus, trinke Kaffee und esse Müsli. Stelle fest, dass ich früher aufstehen sollte.

Um 9 Uhr rufe ich Emails ab, logge mich in unser Auftragssystem ein, schreibe was Neues rein und drucke was Neues aus. Das Script muss am Mittag unbedingt fertig sein. Ich finde endlich den Fehler, als es an der Haustür klingelt. Hurra, der Schornsteinfeger ist da! So viel Ruß im Flur, welch ein Glück! Und im Esszimmer auch! Nach zwanzig Minuten geht er wieder. Ich wische erst mal. „Kölsche Wisch“, wie man hier sagt.

In der Zwischenzeit hat L. eine Email geschickt, Priorität „hoch“. Er hat ganz fürchterliche Zahnschmerzen und möchte, dass ich für ihn bei seinem Zahnarzt anrufe, weil er mitten in der Arbeit sitzt und nicht telefonieren kann. Ich sitze auch mitten in der Arbeit, rufe aber trotzdem bei seinem Zahnarzt an. Mir fehlt inzwischen fast eine Dreiviertelstunde Arbeitszeit und das Script ist – genau – immer noch nicht fertig.

Um 11 Uhr ruft unser Praktikant an, weil er in der Agentur dringend erforderliche Unterlagen sucht und nirgends findet. Ich lotse ihn zehn Minuten lang zur richtigen Ablage in der richtigen Schublade im richtigen Schrank.

Um 11.50 Uhr läuft das Script einwandfrei. Ich jubiliere und gönne mir meine Mittagspause früher und eine Viertelstunde länger.

Um 13.20 Uhr schickt mir mein Chef einen neuen Auftrag. Ein Logo für den Düsseldorfer Kunden. Eilig, eilig, steht dabei. Ich fange an, darüber nachzudenken.

Um 14 Uhr ruft die Nachmittagsbetreuung an. Das Kind hat Bauchweh, weint und will nach Hause. Ich rufe L. an, damit er hinfährt. Der sitzt aber mitten in der Arbeit und kann nicht weg. Ich kann auch nicht weg und schicke ein Taxi zur Nachmittagsbetreuung, rufe bei selbiger wieder an, koche Kamillentee, hole für den Abend eine Literbox mit selbst gekochter Hühnersuppe aus der Tiefkühltruhe und warte auf das malade Kind. Es kommt um 15 Uhr und sieht blass aus. Mit Taxis dauert das hier manchmal.

Um 15.30 Uhr liegt das Kind im Bett und der Hund kotzt ins Büro. Mein Chef ruft an und fragt, ob ich schon angefangen habe, es wäre eilig. Ich antworte, dass ich gerade Hundekotze wegwische, aber schon nachgedacht habe und morgen Rohentwürfe in die Agentur mitbringe. Irgendwie irgendwas.

Um 17.30 Uhr kommt L. vom Zahnarzt und sieht leidend aus. Ich tröste ihn, zeige ihm den ersten Logo-Entwurf, er findet ihn nicht schlecht, ich aber allerdings, und zwar ziemlich.

Um 18 Uhr springe ich ohne Umwege direkt aus dem Schreibtischstuhl in die Küche an den Herd und mache die Hühnersuppe heiß. Kind und L. löffeln mit großem Appetit, ich flitze wieder hoch an den PC und will später essen.

Um 21.30 Uhr bin ich zufrieden mit einem Entwurf. Von der Hühnersuppe ist nichts mehr da. Ich schmiere mir ein Käsebrot, räume die Küche auf, wasche ab, gehe Gassi und nicke um 23 Uhr auf dem Sofa vor dem Fernseher ein. L. weckt mich um Mitternacht, ich bleibe unbeeindruckt an Ort und Stelle liegen.

 

Tag 3. Mittwoch.

Um 6 Uhr stehen wir alle drei gleichzeitig auf und wollen alle drei gleichzeitig ins Badezimmer, um uns anschließend gleichzeitig in die circa vier Quadratmeter kleine Küche zu quetschen. Ich muss um 9 Uhr in Mönchengladbach in der Agentur sitzen. Denken Sie nun bitte nicht, drei Stunden seien genügend oder womöglich sogar viel Zeit, um ein Büro zu erreichen, das rund vierzig Kilometer entfernt ist.

Um 7 Uhr war ich mit dem Hund draußen, habe Unterlagen zusammengepackt, eine überreife Banane in mich hineingestopft, das Chaos in der Küche bestaunt und es durch geschickte Überholmanöver ins Bad geschafft. Mehrere Versuche, mein Geschäft so unauffällig wie möglich zu erledigen, scheitern aus Angst. Dazu müssen Sie wissen, dass das einzige Bad mit einziger Toilette nicht nur direkt neben der Küche liegt, sondern auch noch mit selbiger durch eine Tür verbunden ist. Das hemmt ungemein. Auch beim Kochen. Aber das ist ein anderes Thema.

Ich stehe erst mit einem Bein in der Hose, als L., bereits komplett mit Jacke und Schuhen bekleidet, anfängt zu drängeln. Er fährt mich samt Kind zum kilometerweit entfernten Bahnhof in einen anderen Ort namens Geilenkirchen-Lindern, um anschließend samt Kind wieder nach Heinsberg zurückzufahren. Auf halber Strecke kommt Qualm aus der Motorhaube. Das Kind klatscht in die Hände, weil es in der Schule was zu erzählen hat, wir sind alle sehr begeistert und kommen in allerletzter Sekunde am Bahnhof an. Der Motor kocht bei minus 9 Grad Celsius Außentemperatur. Ich hetze atemlos zum Regionalzug.

In Mönchengladbach steige ich in den Bus und stehe um 8.45 Uhr frierend vor der Agentur. Niemand da. Es regnet. Es drückt in den Eingeweiden. Ich müsste dringend mal, pupse ein bisschen und warte eine halbe Stunde lang. Mein Chef hat verschlafen und der Praktikant seinen freien Tag, weil ich ja heute da bin. Mein Chef guckt sich den Rohentwurf des Logos an, sagt kurz was dazu und ist auch schon wieder weg – Termine, Termine.

Ich flitze aufs Örtchen, beantworte Emails, sauge Staub, wasche ab, räume die Küche auf, schleppe zwei Säcke mit miefendem Müll raus und passe auf das Telefon auf. Arbeiten kann ich so gut wie nichts, weil sämtliche Original-Dateien noch auf meinem Rechner in Heinsberg sind. Wäre der Praktikant da, könnte ich wieder nach Hause fahren und dort arbeiten. Er ist aber nicht da, weil ich ja heute da bin, und ich kann keine Rufumleitung aktivieren, weil ich mein Handy vergessen habe und auch nicht zu Hause bin, und wenn ich nun wegfahren würde, wäre niemand da, der ans Telefon gehen könnte, und das wiederum könnte der Untergang der Firma sein. So spiele ich mit dem Agenturhund und warte bis 14 Uhr auf meinen Chef, der mir sagt, dass ich nicht länger bleiben muss.

Der nächste Zug zurück fährt in mehr als einer Stunde. Ich fahre mit dem Bus zum Bahnhof, stelle erstaunt fest, dass mein Magen knurrt, kaufe mir ein Bratwurstbrötchen und warte auf den Zug, der sich dreiundzwanzig Minuten verspätet. Da L. mich nicht vom Zielbahnhof in Sie-wissen-schon-wo abholen kann, weil er ja arbeitet, fahre ich eine halbe Stunde später mit dem Bus weiter und bin zeitgleich mit der Rest-Patchworkfamilie um 17 Uhr zu Hause.

Mir schwant, dass da etwas Grundsätzliches nicht optimal läuft, und beschließe, heute nicht mehr zu arbeiten. Dafür vielleicht am Wochenende. Samstag oder so.

 

Tag 4. Donnerstag.

Um 7 Uhr werde ich wach und friere, schwitze, niese und huste. „Du hast Fieber“, sagt L. „Hab ich nicht!“, krächze ich trotzig, während mir fieser Rotz aus der Nase tropft. „Bleib zu Hause“, sagt er. Ich räuspere mich. „Okay, bleib im Bett“, antwortet er. „Geht nicht“, sage ich, „das Logo, eilig, eilig.“ Er seufzt, küsst mich sanft auf die Wange und fährt zur Arbeit.

Um 9 Uhr schlurfe ich mit Kaffee an den PC und liege dreißig Minuten später mit dem Telefon wieder im Bett. Mein Chef ruft an. Rufumleitung. Ich piepse, dass ich krank bin. „Ich hör’s. Mist, das Logo, ich muss weg. Kannst du nicht …“ „Nicht vor heute Abend“, wimmere ich. „Okay, bessere dich“, sagt er. „Leck mich“, denke ich.

Um 11 Uhr weckt mich ein netter Stammkunde, weil er schon wieder nicht mehr weiß, wie und wo er seine temporären Internetdateien löschen kann. „Sie klingen ja schlimm, gehen Sie bloß nach Hause und legen Sie sich ins Bett!“, befiehlt er streng. „Gute Idee“, keuche ich ihn an. Er weiß nicht, wo er angerufen hat. Der Hund will wieder raus und muss ausnahmsweise mit dem Garten vorlieb nehmen.

Um 17 Uhr weckt mich L. „Wie geht es dir? Und wo ist dein Telefon?“, fragt er. Ich greife schweigend unter sein Kopfkissen. Vier Anrufe in Abwesenheit. Egal.

L. rührt für uns Rühreier. Um 19 Uhr krieche ich kraftlos ins Büro. Das Logo ist um 21.30 Uhr fertig, ich schlafe unterm Schreibtisch.

 

Tag 5. Freitag.

Liege im Sterben und taumele um 11.30 Uhr unter Aufbringung meiner letzten kümmerlichen Kräfte die Treppe hinunter. L. hat mich beim Chef krankgemeldet, steht auf dem Zettel am Kühlschrank. Ich finde das ein bisschen frech, verspüre trotzdem eine große Erleichterung und beschließe, ein heißes Bad zu nehmen und die Heizung höher aufzudrehen. Dieses Haus ist einfach immer kalt, aber heute ganz besonders.

Ich kippe meinen teuersten Badezusatz in die Wanne, drehe den Heißwasserhahn auf und durchwühle die Küche nach Erkältungstee. Keiner da. Brot ist auch alle. Mein Frühstück besteht aus Kamillentee und Erdbeerjoghurt. Manche haben noch nicht mal das.

Fünf Minuten später gucke ich nach dem Badewasser. Es ist lauwarm. Aus dem Hahn kommt nichts Heißes mehr. Die Heizung: kalt. Wasser aus der Dusche: auch kalt.

Schlotternd schleiche ich im Bademantel nach draußen zum Heizungsraum. Eine Nachbarin grüßt freundlich. Von den etwa zwanzig Lämpchen an der Heizung leuchten zwei signalrot. Dieses Gerät hasst mich, und ich hasse es zurück.

Ich könnte jetzt L. anrufen und fragen, was ich machen soll. Oder einen Monteur. Oder den Ölstand kontrollieren. Stattdessen stimme ich lautes Gejaule an. Der Hund jault aus Solidarität mit, die Wellensittiche brechen erst in Panik und dann aus dem Käfig aus und vor der Haustür bildet sich eine Menschentraube. Hinter mir geht die Hoftür auf. Sie kommen mich holen. Ganz bestimmt.

Die hintere Eingangstür öffnet sich. Es ist L., er hat hat früher Feierabend gemacht. Er hätte so ein komisches Gefühl gehabt, sagt er. „Buuuuhuhuuuuuuu, die Heizung!“ ist mein letzter Satz, bevor er mich die Treppe hochschiebt und ins Bett packt.

Um 20 Uhr rüttelt es an mir. „Jetzt ein Bad?“, fragt L. und stellt eine Tasse Hagebuttentee ans Bett.

Mein Lachen klingt etwas irre.

 

Tag 6. Samstag.

Wochenende! Juhu! Mir geht es besser. Das ist sehr schön, schließlich gibt es viel zu tun heute. Endlich Zeit zum … Putzen! Der Fußboden sieht aus, als wären mindestens fünf Bauarbeiter durchs Haus gewalzt und der Bügelwäscheberg hat inzwischen Zimmerdeckenhöhe erreicht.

Um 10 Uhr fahren wir zu dritt zum Familiengroßeinkauf und sind um 12.30 Uhr zurück, um den Inhalt eines kompletten Kombi-Kofferraums eine halbe Stunde lang im Keller, in der Tiefkühltruhe, im Kühlschrank und in diversen Schränken und Regalen zu verstauen. Mir geht es wieder schlechter.

Ich schleppe mich nach oben und rufe Emails ab. Großauftrag im Postfach. Der Logokunde braucht alles, was ein Kunde überhaupt brauchen kann. „Ich lege mich ein bisschen hin“, sage ich um 13 Uhr zu L., denn ans Putzen ist im Grunde ja überhaupt nicht zu denken, wenn wir zu dritt zu Hause sind. Außerdem geht es mir plötzlich noch schlechter. Ich stelle noch schnell die Waschmaschine an und schlafe, um am Nachmittag ausgeruht arbeiten zu wollen.

Um 14 Uhr werde ich von L. geweckt. „Was’n los?“, motze ich ihn an. „Wir müssen noch mal einkaufen“, antwortet er. „Die Waschmaschine hat gebrannt. Wir brauchen eine neue.“ Sagte er tatsächlich „gebrannt“? Oder „gequalmt“? Geschmort? Gekocht? Was auch immer es war – ich falle in Ohnmacht und wache im völlig überfüllten Media-Markt wieder auf.

Der Rest des Tages wurde von meiner Festplatte gelöscht.

 

Tag 7. Sonntag.

Um 6 Uhr stehe ich alleine auf und wische die komplette untere Etage. Um 8 Uhr sitze ich im Büro. L. macht um 10 Uhr Frühstück, danach arbeite ich entspannt weiter.

Liebster und Kind backen währenddessen Apfelkuchen und wollen später Kerzen gießen, schließlich ist Sonntag, da macht man solche Sachen.

Um 15 Uhr essen wir den Kuchen. Der ist wirklich lecker, die Küche weniger. Ich lobe den Kuchen und schweige aus Liebe über die Küche. Zum Kerzengießen habe ich keine Zeit, der Auftrag, der Auftrag. Die beiden machen das ohne mich.

Um 16.40 Uhr will ich mir einen Tee kochen und rutsche im Flur aus. „Ja, hier ist es so glatt, ist mir auch schon aufgefallen. Hast du mit was Neuem gewischt?“, wundert sich L. „Neee“, antworte ich, wundere mich auch und rutsche weiter.

Um 19 Uhr, nach dem Abendessen und vor dem Abwasch, fragt L., ob ich „ihm mal eben seine Haare schneiden kann“. Mit so einer Schermaschine wie für Hunde, nur halt für Männer. Ich zögere mangels praktischer Erfahrungen im Friseurhandwerk, er beruhigt mich und meint, es könne gar nichts passieren. Gedanklich noch oder schon wieder beim Auftrag, kreiere ich für L. ein völlig neues Styling – nennen wir es „Negativer Irokesenschnitt“. Hat nicht jeder. Will sicher niemand. L. nicht. Ich nicht. L. ist ein wenig verzweifelt und ich schäme mich sehr.

  

Tag 8. Montag.

Um 7.30 Uhr stehe ich in der rutschigen Küche und fege und schabe und kratze und putze und wische. Kerzenwachs. Es ist Kerzenwachs. Im ganzen Haus. Überall ist Kerzenwachs in kleinen Flocken. Ich staune aus tiefstem Herzen.

Um 8.30 Uhr will ich frühstücken. Da fällt mein Blick auf einen Zettel, der unschuldig auf dem Esstisch liegt und auf mich wartet. Er ist von L. „Achtung, im Hof ist eine kleine Maus!“, steht da. Eine Maus. Im Innenhof. Dessen Tür mitten in die Küche führt und umgekehrt. Wir leben auf dem Land, da sind Mäuse etwas Alltägliches. Ich habe nichts gegen Mäuse. Also rein grundsätzlich. Aber bitte, bitte, bitte nicht im Haus.

Mit einer Tupperdose bewaffnet schiebe ich mich durch einen winzig klein geöffneten Spalt nach draußen in die Kälte. Sie hat sich hinter der Altpapierkiste versteckt, die Maus.

Mäuse sind schnell, aber ich treibe sie erfolgreich in die Ecke, tuppere sie sachte ein, trage Dose samt Maus zum Maisfeld und wünsche dem verdutzten Tier einen angenehmen weiteren Wochenanfang.

Um 9 Uhr sitze ich mit leerem Magen im Büro. Mein Chef ist auch mal in seinem Büro, ich habe Ruhe bis 11 Uhr. Da ruft meine Freundin von nebenan an. Sie muss dringend und sofort irgendwohin und fragt, ob ich auf ihren Welpen aufpassen kann, eine Stunde lang oder so. „Okay“, seufze ich.

Fünfzehn Minuten später ist mein Büro ein Truppenübungsplatz. Mein Hund und der Welpe kloppen sich um das Hundesofa. Ich setze den Welpen in sein Körbchen, wo er nicht bleibt, weil er lieber am Netzkabel nagt.

Ich nehme ihn auf den Schoß, was die Arbeit kompliziert gestaltet. Mein Chef ruft an. „Alles klar?“, fragt er. „Jaja, läuft prima“, antworte ich. Meine Hose wird nass. Da, wo der Welpe sitzt. Ich mache das Fenster weit auf und schleudere ihn auf die Straße.

„Chef, wir müssen reden“, sage ich.

 

Tag 36. Wieder Montag.

An meiner Bürotür hängt seit drei Wochen ein Schild mit Öffnungszeiten. Mein Chef hat der Arbeitszeitverkürzung von vierzig auf fünfunddreißig Wochenstunden bei vollem Lohnausgleich zugestimmt. Mein Liebster und seine Tochter gießen keine Kerzen mehr. Das männliche Haupthaar ist inzwischen nachgewachsen, dem Welpen geht es wieder gut und mir allerbestens.

Mein Psychiater sagt, es sei alles nur eine Frage der richtigen Organisation. Ich arbeite jetzt nachts.

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Der Roman, den ich mit einem Finger tippte
oder Das Jahr kann dann mal weg

Selbstverständlich gab es für meinen zweiten Roman einen Plan. Der erste, grob umrissene Entwurf stand im Spätsommer 2017, nachdem ich mich halbwegs von der Top-100-Platzierung meines Romandebüts „Ein Herz aus Marmelade“ bei Amazon erholt hatte. Mit allem hatte ich gerechnet, aber nicht mit solch einem Erfolg. Ich kenne Selfpublisher*innen, die über Wochen, teils über Monate mit einem oder gar mehreren Werken in den Bestsellern vertreten sind. Bei mir war es nur ein sehr kurzer Zeitraum, von dem ich aber bis heute zehre.

Nun, der neue Roman jedenfalls sollte spätestens im Herbst 2018 erscheinen. In der mir zur Verfügung stehenden Zeit wäre es absolut schaffbar gewesen. Einen Entwurf zu haben, das ist grundsätzlich ja schon mal gut. Jedenfalls ist es besser als nichts, und so schrieb ich ab Herbst 2017 die ersten Kapitel. Testweise, sozusagen. Korrigierte, fand alles blöd, überarbeitete den Plot, schrieb bis zum März dieses Jahres alles neu und kündigte meinen Testleser*innen das baldige Eintrudeln der Manuskript-Datei an.

Bis ich Blasen an den Händen bekam.

Das mag sich für Sie anhören wie ein Scherz. Es mag so klingen, als wöllte ich Ihnen damit symbolisieren, ich hätte zu viel und zu schnell getippt. Das alles trifft nicht zu. Es waren allerdings keine Blasen, sondern winzig kleine Bläschen, davon aber viele. Sehr, sehr viele. Sie breiteten sich beinahe über Nacht explosionsartig an den Innenflächen beider Hände aus, an allen Fingern, sie waren überall. Kleine, fiese, mit Flüssigkeit gefüllte Bläschen, mit denen ich schon 2017 Bekanntschaft gemacht hatte. Es ist eine Symptomatik eines Handekzems mit dem herrlich nichtssagenden Namen „Dyshidrosis“. Googeln Sie das gerne, meinetwegen nutzen Sie die Bildersuche, und wenn Sie über eine robuste Ekelschwelle verfügen, dann werfen Sie mal einen vorsichtigen Blick auf die schwerste Form.

So sahen meine Flossen im Endstadium aus.

Der Verlauf war einigermaßen vorhersehbar. Dachte ich. Am Ende übertraf er alles, was ich in 2017 damit bereits erlebt hatte.
Diese Bläschen platzen irgendwann auf. Wenn sie das nicht von selbst tun, dann ist das so wie mit der Akne in der Pubertät: Obwohl man idealerweise die Finger davon lassen soll, beginnt man wie unter einem irren Zwang, die Bläschen zu öffnen. Entzündungen folgen, gepaart mit einem Juckreiz, der direkt aus der Hölle kommt. Irgendwann war es mir wirklich egal, ob ich mir beim Kratzen die Finger womöglich breche oder das Fleisch bis auf den Knochen wegschrubben muss, damit das aufhört. Die Kortisonsalbe, die mir meine inzwischen ehemalige Hautärztin, deren Support ein weeeeeenig zu wünschen übrigließ, anfangs verordnete, änderte übrigens nichts daran. Die Entzündungen blieben oder verhornten sich, irgendwann sahen meine Hände aus wie die eines 200 Jahre alten Reptils mit schlimmer Neurodermitis, Verhornungen rissen oder brachen auf und hinterließen tiefe, schmerzhafte, blutende Risse in der Haut.

Was auch immer ich anfasste, öffnen wollte, berührte, verursachte noch mehr Schmerzen und noch mehr Wunden, in denen reines Leitungswasser brannte wie purer Zitronensaft. Ich aß fast nichts mehr, konnte nicht mehr kochen, nicht mehr abwaschen, nicht mehr putzen und nur unter Qualen duschen. Trug rund um die Uhr Handschuhe, cremte pfundweise und ohne Erfolg. An Gartenarbeit war überhaupt nicht zu denken, ich konnte meine 17jährige Hündin nicht mehr streicheln, keinen Stift halten, nichts mehr. Tippen am PC funktionierte zeitweise maximal mit einem Finger.

Die zweiköpfige Family tat und half, wo und wie sie es konnte. Bevor die beiden frühmorgens zur Arbeit aufbrachen, öffneten sie mir das, was ich zum Überleben brauchte. Milchpackungen und Mineralwasserflaschen zum Beispiel. Joghurts. Spontaner Hunger auf ein Käsebrot? Na klar. Ich hatte ja Zeit, eine Viertelstunde damit zu verbringen, eine Käsepackung erst mal überhaupt zu öffnen und anschließend in Tränen auszubrechen.

Man kann eben nichts mit den Händen tun, ohne sie zu benutzen.

Und als wäre all das nicht genug gewesen: Eine leichte Irritation der Haut am Hals und an den Oberarmen, die durch eine Stunde bei Sonnenschein auf einer Terrasse entstanden war, meinte, sich an dem Fiasko beteiligten zu müssen und uferte fröhlich aus. Beide Arme schwollen an, wurden feuerrot und dermaßen heiß, dass ich locker ein Spiegelei darauf hätte braten können, hätte ich überhaupt mit den Händen ein Ei zerschlagen können. Die Röte wanderte mehr und mehr Richtung Unterarme und Handgelenke, bis sich auf beiden Seiten die Entzündungen von Händen und Armen beinahe knutschen konnten. Ich bekam Fröstelschübe und vielleicht war da erhöhte Temperatur.

Faszinierend, wie blass, still und hektisch meine Hautärztin wurde, als sie mich in diesem Zustand sah. Ab diesem Zeitpunkt gab es noch mehr Kortison, stärkeres Kortison, innen und außen natürlich, viel hilft viel, haha. Die Arme und der Hals besserten sich tatsächlich, waren aber durch das Kortison inzwischen so empfindlich geworden, dass ich in diesem unfassbar heißen, trockenen Mördersommer gezwungen war, immer mit Baumwollhandschuhen und drübergezogenen Lederhandschuhen rauszugehen, um mich beispielsweise nicht an der Hundeleine zu verletzen. Ich konnte mich draußen nur noch langärmlig aufhalten, sicherheitshalber auch nur in langen Hosen, idealerweise noch mit Kapuze auf dem Kopf. Sonnencreme mit den Händen aufzutragen schied als Option aus. Einen verträglichen Sunblocker zu finden, stellte mich vor das nächste Problem. Meine Haut wartete ja förmlich darauf, an gleicher oder anderer Stelle erneut zu eskalieren.

Die Einzige, die sich in diesem ganzen Elend pudelwohl fühlte, war diese olle Zicke, mit der ich seit so vielen Jahren mein Leben teile. Ihr Name ist rezidivierende Depression, sie feierte hämisch grinsend eine Party und suhlte sich in diesem Klima voller eh schon vorhandener Verzweiflung und Schmerzen und zwang mich endgültig in die Knie, sodass ich irgendwann einfach nur noch schlafen wollte, um nichts mehr spüren zu müssen.

Inzwischen besaß ich einen eigenen Schrank voller diverser Handcremes. Ich kaufte und bestellte alles, was mir irgendwie Hilfe suggerierte, beschäftigte mich mit nichts anderem mehr als mit diesem einen Thema. Manchmal sah es danach aus, als wäre sie endlich gefunden, DIE Wundercreme, DIE richtige Pflege, die aus dem, was von der Haut an meinen Händen übriggeblieben war, wieder etwas machte, mit dem ich zumindest jemandem die Hand geben konnte. Doch alle diese wunderbaren und wunderbar teuren Cremes streckten mir spätestens nach drei Tagen die Zunge raus. „Ätschbätsch! Ich habe keine Lust mehr! Such dir was anderes!“, schienen sie mir zurufen zu wollen, jede einzelne von ihnen, und so war es ja gut, dass sich zwischen den circa zwanzig Tuben im Schrank immer eine fand, die zum aktuellen Bedarfsstatus meiner Hände passte. Für die nächsten drei Tage.

„Ja, es sieht schon ganz gut aus, die Haut ist wohl noch sehr trocken. Aber wir arbeiten dran.“

WIR. ARBEITEN. Ein großartiger Satz meiner Hautärztin bei dem letzten Termin, den ich Ende Juni bei ihr wahrgenommen habe. Was damals hauptsächlich fehlte, war eben die ideale Pflege. Aber wie sah „die Lösung“ aus, mit der daran gearbeitet werden sollte? „Nehmen Sie das Kortison weiter wie bisher. Wenn Sie ein neues Rezept brauchen, dürfen Sie wiederkommen.“

Das war’s. In der darauffolgenden Woche saß ich in der Notfallsprechstunde eines anderen Hautarztes, der mich tatsächlich gerettet hat. Die Tabletten wurden innerhalb einer guten Woche ausschleichend abgesetzt, die starke, gel-artige Kortisoncreme durch eine leichtere, geschmeidigere ersetzt, ein neues Handbad verordnet, eine mir bis dahin unbekannte, hervorragende Repair-Creme empfohlen und ein mehrtägiger Allergietest angesetzt.
Es dauerte keine zehn Tage, bis ich endlich aufatmen konnte. Meine Hände begannen zu heilen. Langsam, aber sichtbar. Der Allergietest ergab eine Reaktion auf Kobalt, was im Grunde zu vernachlässigen ist. Es deutet allerdings auf eine allgemein hohe Empfindlichkeit hin. Mit zunehmendem Alter wird die Haut trockener und empfindlicher. Wahrscheinlich habe ich meinen Händen in den Wintermonaten vor dem ganzen Driss und nach dem Abklingen der Symptome in 2017 zu viel zugemutet und zu wenig Pflege gegönnt. Es dauert bis zu einem halben Jahr, bis sich die Haut nach einem akuten Schub regeneriert hat – und das hatte offensichtlich noch nicht geklappt.

Seit Anfang November 2018, also rund acht Monate nach Auftreten der ersten Symptome, sind meine Hände zu 90 Prozent stabil. Ich kann unter Einhaltung von Vorsichtsmaßnahmen fast alles wieder tun, ohne ständig Angst vor Schmerzen und Verletzungen haben zu müssen. Kleinere Rückschläge kommen vor, klar. Als meine uralte Hündin im November „beinahe“ Vergiftungserscheinungen (O-Ton Tierarzt) zeigte und so krank und schwach war, dass ich dachte, sie überlebt es nicht, tauchten prompt neue Bläschen auf. Stress ist ein zusätzlicher Risikofaktor. Glücklicherweise konnte ich dem Ekzem gleich im Anfangsstadium den Garaus machen, sogar kortisonfrei. Und meine Hündin ist inzwischen wieder topfit.

2019 wird mir das Finanzamt zum zweiten Mal eine nicht vorhandene Gewinnerzielungsabsicht unterstellen. Kein Wunder, war 2018 buchverkaufstechnisch gesehen und im Vergleich zum Vorjahr doch so mager wie ich selbst im Sommer. Die ABSICHT ist ja letztlich gar nicht die Frage, aber krankheitsbedingte Ausfallzeiten interessieren das Finanzamt wenig.

Der neue Roman wächst und gedeiht. Immerhin. Es fehlen noch einige Kapitel, zwischendurch überarbeite ich das, was bereits geschrieben ist. Es wird ein nachdenklicherer Roman als „Ein Herz aus Marmelade“ werden. Das war nicht unbedingt das Ziel, aber es wundert mich nicht, dass mir keine heitere Lovestory aus den maladen Fingern fließen wollte. Neben Köln spielt die Handlung unter anderem in Portugal und Brasilien. Wenn nichts dazwischenkommt, rechne ich mit einer Veröffentlichung im Frühling, was drollig wird, da der Roman mit einer mehr oder weniger weihnachtlichen Szene beginnt. Da kam mir im Zeitplan halt ein bisschen was dazwischen …

Haben Sie ein friedvolles Weihnachten und rutschen Sie ohne Blessuren ins neue Jahr.
Lieben Sie. Genießen Sie. Und passen Sie gut auf sich auf, was auch immer Sie tun.

Es grüßt Sie herzlichst
Ihre Heidi Hensges

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oder Das Jahr kann dann mal weg

Auf ein Neues.

Tja, da stehe ich nun und muss zugeben, dass ich die #SelfPubChallenge vor dem Ende abgebrochen habe. Wenigstens habe ich niemandem versprochen, bis Tag 31 durchzuhalten, und ich gebe es auch nicht kleinlaut zu, sondern in ganz normaler Lautstärke mit ganz normalem Tonfall. Es ist so, wie es ist.

Da waren ein paar Dinge, die dazu geführt haben, nicht vorhersehbare Dinge waren auch dabei. Weihnachten zum Beispiel. Kommt ja immer so furchtbar plötzlich, man muss auf einmal schrecklich viele Dinge noch erledigen, und meine Erkältung nahm das vorweihnachtliche Getue zum Anlass, sich bis zum 23. Dezember hochzuschrauben und ausgerechnet an Heiligabend mit großem TamTam zu eskalieren. So kann’s gehen.

Eine von massiver Müdigkeit begleitete Schreib- und Leseflaute rundete das ganze Spektakel bis zum Jahresende ab. Ehrlich gesagt habe ich das Gefühl, seit Wochen bis Monaten gar nicht richtig in Schwung zu kommen. Vermutlich fehlen Sonne und Wärme. Wir am Niederrhein frohlockten noch an Neujahr wegen eines ungewohnt blauen Himmels mit Sonnenschein, die Freude hätten wir uns sparen können. Seit dem 2. Januar schüttet und stürmt es unentwegt. Es ist dunkel. Finster. Trostlos ohne Ende, und da ich auch nur eine Frau mit Gefühlen bin, schlägt mir das massiv auf die Stimmung. So kann ich nicht arbeiten. Jedenfalls nicht effektiv.

Was 2018 außer Regen sonst noch passiert, dürfen Sie mich nicht fragen. Zwei persönliche Dinge gibt es allerdings, die  ganz oben auf einer imaginären Liste stehen: Die Fertigstellung und Veröffentlichung meines neuen Romans und die Tatsache, dass meine 17-jährige Hündin vielleicht kein Weihnachten mehr erleben wird.

Beides beschäftigt mich sehr. Täglich. Stündlich.

 

Ich wünsche Ihnen ein Jahr voller Gesundheit, schöner Momente, Liebe, Spaß und Erfolg. Packen Sie einfach all das zu den Wünschen, was Sie sich selbst wünschen. Sie müssen es mir auch nicht verraten.

 

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Die #SelfPubChallenge – Tag 13

„Das erste Indie-Buch, das du je gelesen hast“

Das war „Soap“ von Michael Meisheit, und das kam so:

Michael hatte 2012 (Kinder, wie die Zeit vergeht!) auf Twitter von seinem ersten Roman berichtet, und da ich erstens die Story interessant fand und zweitens unbedingt sehen wollte, welche Qualität das damals bei CreateSpace gedruckte Taschenbuch hatte, bestellte ich es prompt. In Soap erzählt Michael Meisheit eine Geschichte über Lukas,  einen Filmstudenten und Serienautor – was ein Thema ist, mit dem er sich bestens auskennt, da er viele Jahre lang Drehbücher unter anderem für die Lindenstraße geschrieben hat.

Die Story ist rasant, unterhaltend und abwechslungsreich, gewährt Einblicke in die Seifenoper-Branche und lässt sich geschmeidig lesen. Michael Meisheit, inzwischen ist er ein höchst erfolgreicher Bestseller-Autor und veröffentlicht seine Romane unter dem Pseudonym „Vanessa Mansini“, bewies bereits mit seinem Erstling den Blick fürs Detail, eine hervorragende Beobachtungsgabe und einen grandiosen Humor.

Mit dem Lesen dieses Romans war die Soap-Oper  allerdings noch lange nicht zu Ende. Im Rahmen eines Wettbewerbs habe ich doch tatsächlich ein Lektorat bei Michael Meisheit gewonnen. Für „Ein Herz aus Marmelade“ habe ich noch darauf verzichtet, aber wer weiß, was beim nächsten oder übernächsten Roman passiert. Ich muss ihn unbedingt mal fragen, ob der Preis irgendwann verfällt 😉

Die Teilnahme am Wettbewerb habe ich damals im Blog dokumentiert, und natürlich hat auch Michael Meisheit darüber berichtet.

Schauen Sie mal hier:

http://heidihensges.de/soap-von-michael-meisheit/

… und hier:

http://heidihensges.de/vier-frauen-und-ein-meisheit/

… und hier:

http://michaelmeisheit.de/2013/03/24/gewinne-einen-autor-die-einreichungen/

… und hier:

http://michaelmeisheit.de/2013/03/25/gewinne-einen-autor-die-finalisten/

 

 

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Die #SelfPubChallenge – Tag 12

„Ein Zitat aus deiner aktuellen Lektüre“

Hm. Etwas in mir hat kein gutes Gefühl dabei, auf meiner Website aus einem Buch zu zitieren. Vielleicht fände ich das selbst auch nicht so super, ginge es um ein Zitat aus einem meiner Texte. Stattdessen schauen Sie doch einfach mal auf Patrick Schnalzers Website, was für unterschiedliche Bücher er schon veröffentlicht hat 🙂

www.patrickschnalzer.com/buecher

 

 

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Die #SelfPubChallenge – Tag 10 und Tag 11

Da ich gestern Abend doch noch zu matt für alles war, wird der Tag 10 heute nachgeholt. Es ist auch nur eine ganz kurze Frage mit einer kurzen Antwort:

Tag 10: Dein aktueller Lesestatus

Nun, der liegt leider erst bei 30 Prozent. Unter Umständen werde ich den zweiten Roman, den ich mir vorgenommen habe („Das Kreischen der Möwen“ von Marion Krafzik) im Dezember nicht mehr schaffen. Mal sehen.

 

Tag 11: Welches Debüt von welchem Selfpublisher hat dich am meisten überzeugt?

Da gibt es zwei, die mir spontan einfallen:

„Bauernhochzeit“ (Ein Fall für Leo und Samson 1) von Alexander Huberth

Eine herrlich lustige Krimikomödie, die alles hat, was ein Mensch zur kurzweiligen Unterhaltung braucht: Spannung, Action, Humor, Liebe, Romantik, einen Schuss Erotik und originelle Protagonisten. Und natürlich den Hund Samson 🙂

„Ersticktes Matt“ (Floodlands 1) von Nina C. Hasse

Ein „Steampunk-Krimi“. Ja, so habe ich anfangs auch geguckt. Steampunk war bis dahin aus meiner Sicht nur etwas für Nerds, was allerdings nicht stimmt. Jedenfalls trifft es auf „Ersticktes Matt“ in keinster Weise zu. Nina C. Hasse hat es nicht nur geschafft, einen hervorragend geschriebenen, klassischen Krimi mit Sherlock-Holmes-Atmosphäre zu erschaffen. Sie führt ihre Leser*innen auch noch so behutsam an das Steampunk-Thema heran, dass  keine Fragen offen bleiben, sondern (zumindest in meinem Fall) Interesse geweckt wird, sich mehr damit zu beschäftigen. Und vor allem: sich auf den nächsten Floodlands-Roman zu freuen.

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Die #SelfPubChallenge – Tage 5, 6, 7, 8 und 9

Nein, ich war nicht zu faul. Tag 5 habe ich nur auf Twitter gepostet und an den anderen  Tagen hatte mich meine Erkältung voll im Griff. Deshalb hole ich jetzt einfach alles auf einmal nach und verrate Ihnen ganz nebenbei noch einen Geheimtipp für Fans von Gedichten.

Damit Sie überhaupt wissen, wie die einzelnen Aufgaben der #SelfPubChallenge lauten, hier die Grafik dazu:

Tag 5: Zeit für ein Bild mit deiner Lektüre!

Ähm, ja. Es gibt keins. Ich bin alles Mögliche, aber keine leidenschaftliche Fotografin. Es tut mir wirklich leid. Aber sehen Sie sich einfach noch einmal hier das Cover von „Veggie-Burger mit Speck“ auf Amazon an 🙂

 

Tag 6: Welchem Genre lässt sich deine aktuelle Lektüre zuordnen?

Humor! Eindeutig!

 

Tag 7: Deine liebste Indie-Autorin / dein liebster Indie-Autor

Da gibt es mehrere, drum mag ich mich gar nicht festlegen.
Im Grunde sind es die schon in den anderen Posts zur #SelfPubChallenge erwähnten

  • Mila Olsen (wobei ich ihre Fantasy-Romane nicht gelesen habe, es ist einfach nicht mein Genre)
  • Elisabeth Freundlinger
  • Patrick Schnalzer
  • Marion Schreiner
  • Hinzufügen möchte ich noch Emma Wagner. Sie schreibt vorzugsweise romantische Komödien, aber vor allem ihre beiden Romane „Du. Für immer.“ und „Wir. Für immer.“ haben mich wirklich sehr angesprochen. Hier geht sie mehr in die Tiefe, schreibt nachdenklicher und ernsthafter, und dieser Stil steht ihr ausnehmend gut.

 

Tag 8: Dein Lieblingsbuch aus dem Selbstverlag

Es ist der erste Gedichtband einer lieben Freundin. Sie ist 60, Lehrerin und eine sehr kluge und witzige Frau. Seit Ewigkeiten schreibt sie Gedichte, und zwar solche, die genau meinen Geschmack treffen. Komplizierte Lyrik ohne Reime liegt mir nicht so. Das, was die Heike reimt (und zwar perfekt!), allerdings schon. Aufgrund ihrer Vielseitigkeit, ihrer Lebenserfahrung und ihres trockenen Humors sind ihre Gedichte abwechslungsreich und kurzweilig. Lustig, bissig, spritzig, spitz, unterhaltend, sozialkritisch, politisch und immer mit einer deftigen Pointe versehen, ist ihr Buch mit dem Titel „Heitere Resignation“ ein echter Schatz. Immer wieder nehme ich ihn hervor, um darin zu lesen und zu stöbern.

Ja, und das ist mein angekündigter Geheimtipp für Sie, und zwar nicht nur zu Weihnachten!
„Heitere Resignation“ von Heike Dahlmanns. Sie werden es lieben!

 

Tag 9: Welches war das letzte Indie-Buch, das du gelesen hast?

Kein Himmel ohne Sterne“ von Michelle Schrenk.

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Die #SelfPubChallenge – Tag 4

„Dein Selfpublisher-Highlight 2017“

Der beeindruckenste Roman, den ich 2017 gelesen habe, ist Ende 2016 erschienen und insofern machen die paar Wochen ja keinen Unterschied 😉

Der Titel: Entführt – Bis in die dunkelste Nacht (Louisa & Brendan 2)
Die Autorin: Mila Olsen

Mila Olsen schrieb früher als Uta Maier Fantasy-Romane. Entführt – Bis in die dunkelste Nacht ist ein eigenständiger Roman, jedoch quasi der zweite Teil einer Dilogie, wobei im Grunde genommen nichts anderes passiert als in Entführt – Bis du mich liebst, dem ersten Teil.

Diesen ersten Teil entdeckte ich rein zufällig durch eine Preisaktion. Als ich die Buchbeschreibung dachte ich, das könnte wirklich nichts für mich sein. Es erschien mir zu schräg und völlig unrealistisch, was ich da las:

Nichts hasst Louisa mehr, als das Leben in dem winzigen Kaff Ash Springs, mitten in der Wüste Nevadas. Sie sehnt sich nach Spaß und Abenteuer. Als sie in den Ferien mit ihren vier Brüdern zum Campen in den Sequoia Nationalpark muss, trifft sie auf den geheimnisvollen Brendan. Ihr Schicksal nimmt eine dramatische Wende, denn Brendan ist keinesfalls zufällig am selben Ort. Akribisch hat er jeden Schritt von Louisas Entführung geplant. Er verschleppt sie in die Einsamkeit Kanadas, an einen Ort, an dem es nur Fichten, blauen Himmel, Wölfe und Hermeline gibt. Er sagt, sie wäre sein Licht in der Dunkelheit. Für Louisa beginnt eine Zeit voller Angst und Verzweiflung, in der sie immer mehr mit Brendans traumatischer Vergangenheit konfrontiert wird. Schon bald ist er für sie viel mehr als nur ihr Entführer. Mitgefühl, Zuneigung und Abhängigkeit vermischen sich und stürzen Louisa in ein tiefes Gefühlschaos. Vor allem zwei Fragen gewinnen immer mehr an Bedeutung: Darf man seinen Entführer lieben? Und wie gefährlich ist Brendan wirklich?

Stockholm-Syndrom? Abgedrehte Love-Story? Ist Louisa ein „kleines Mäuschen“, das ihrem Entführer nachgibt, um Ruhe zu haben? All das gefiel mir überhaupt nicht. Man bedenke, dass ich #50plus bin, allerdings habe ich auch schon mit großer Begeisterung Romane von Colleen Hover gelesen, deren Zielgruppe ebenfalls wesentlich jünger ist.

Die Leseprobe dieses ersten Teils um Louisa und Brendan nahm mich mehr gefangen, als ich erwartet hatte. Also griff ich zu und wurde dermaßen intensiv in eine Geschichte hineingezogen, wie es selten passiert.

Teil 1 ist aus Louisas Sicht erzählt, Teil 2 aus Brendans. Eine Freundin von Mila Olsen hat ihr dazu geraten, diesen zweiten Teil zu schreiben, und ich danke dieser Freundin an dieser Stelle dafür. Teil 2 hat mich fast noch mehr berührt als Teil 1. Auch wenn es rein prinzipiell die gleiche Story ist, erfährt man so viel Neues aus Brendans Gefühlsleben, sieht so viel mit anderen Augen und leidet, fiebert und weint auf ein Neues mit Louisa und Brendan mit. Es gibt in Teil 2 eine Szene an einem Fluss, die ich gerade jetzt, wo ich mich daran erinnere, noch einmal durchlebe. Fast gruselig ist das, und es ist bleibt wohl auf ewig ein Rätsel, wie es eine Autorin schaffen kann, mit einer solch bildhaften Sprache und emotionalen Wucht zu schreiben, ohne nicht dabei selbst durchzudrehen.

Eines Tages werde ich beide Teile noch einmal lesen, und zwar parallel. Jede Szene aus beiden Perspektiven.

Chapeau. Applaus. Ich verneige mich vor dieser Autorin.

 

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