Stillstand
oder Depression und Schreiben in den Zeiten der Coronakrise

Glücklicherweise sind meine Familie und ich nur indirekt von Convid-19 betroffen. Bei uns ist niemand an Corona erkrankt, niemand musste in Quarantäne, und das bei vier Personen, von denen drei zu Risikogruppen gehören. Die einzige, die nicht dazugehört, bin ich.

Insofern „alles gut“, könnte man meinen. Könnten SIE meinen. Doch ganz so einfach ist es leider nicht. Dafür werde ich ein bisschen ausholen müssen. Hoffentlich wird es Ihnen nicht zu viel.

Also.

 

Aktuelle Studien haben ergeben Quatsch.

Stellen Sie sich vor, Ihnen wächst ein Hinkelstein am Rücken und Sie sind  nicht Obelix, sondern … sagen wir mal … der Poeti Schlumpf. Oder in diesem Falle die Poeti Schlumpfine.

Nun, diese Schlumpfine sind natürlich nicht Sie. Das bin ich. Und der Hinkelstein ist meine Depression. Meine rezidivierende Depression, um genau zu sein. Sie ist mal stärker, mal schwächer. Stellen Sie sich das vielleicht am besten so vor: Ab und zu kommen Vögel vorbei und picken etwas ab von dem Hinkelstein. Dann ist alles leichter, unbelasteter. Und dann kommt ein Riese dahergelatscht und packt Beton drauf. Als sei das nicht genug, legt sich der Riese manchmal noch obendrauf und drückt mich ganz nach unten.

Es ist nicht so, dass ich deswegen ständig weinend durch die Gegend laufe. Weinen passiert eher als innere Reinigung, wenn alles zu viel wird. Meistens jedenfalls. Meine Symptome bestehen größtenteils aus fehlendem Antrieb und Konzentrationsstörungen.

In der Vergangenheit gab es durchaus symptomfreie Lebensphasen, aber die sind schon ziemlich lange her. Phasen voller Energie, Lebenslust, Freude. Mit Zielen, die verfolgt und erreicht wurden. Ich weiß nicht, ob solche Phasen jemals wiederkommen.

Der Grundstein für den Hinkelstein wurde in meiner Kindheit gelegt. Im Elternhaus. Ich erkrankte früh an Angststörungen und später an ausgewachsenen Phobien, die während der Pubertät begangen, im Alter zwischen 16 und Anfang 20 zunahmen und durch Klinikaufenthalte sowie ambulante Therapien nachließen. Einige verschwanden sogar vollständig.

Geblieben ist ein Ur-Problem, wie ich es nenne. Es war immer da und wird vielleicht immer bleiben. Im Laufe meines Lebens hat es mich mal vollständig, mal weniger, mal mehr beeinflusst. Inwischen bin ich übrigens 58.

Die erste depressive Episode, die mir fast klischeehaft durch häufiges, scheinbar grundloses Weinen und das wochenlange Tragen von dunkler Kleidung selbst auffiel, trat mit ungefähr 25 auf. Damals war es tatsächlich nur eine Phase, Hase, sozusagen. Sie verschwand wieder und ließ mich viele Jahre lang in Ruhe, die Depression.

Seit rund zehn Jahren schleicht sie aber ständig um mich herum. Berufliche und private Veränderungen haben dazu geführt, dass der Hinkelstein immer da ist. Nach vier Jahren ambulanter Verhaltenstherapie, die ich nach einem Mega-Burnout und dem Tod meines Vaters begann, ging es mir gut. Meine wundervolle Therapeutin und die kleinen Vögel hatten ganze Arbeit geleistet.

Einige Monate später, nach der Veröffentlichung meines ersten Romans „Ein Herz aus Marmelade“, kamen der Riese wieder. Und zum ersten Mal trat mein inzwischen chronisches Handekzem (Dishydrosis) auf, das mir seitdem alljährlich von März bis Oktober fiese Schmerzen beschert, mich bei allen Tätigkeiten einschränkt und den Riesen gar nicht mehr weggehen lässt. Dennoch hielt ich Lesungen, schrieb ein paar Kurzgeschichten und arbeitete vorwiegend in den beschwerdefreien Zeiten ab Oktober an meinem zweiten Roman weiter. Bis im nächsten Frühjahr das Handekzem zurückkam. Und damit der Riese.

Mittlerweile kenne ich die meisten Symptome, die mit einer Depression verbunden sein können. Eines blieb mir immer erspart: die Suizidalität. Mir etwas anzutun, das war niemals eine Option, egal in welchem Zustand ich durch mein Leben kroch.

Bis am 1. Oktober 2019 meine kleine Hündin Daisy im Alter von rund 19 Jahren eingeschläfert werden musste. Die ersten geschätzt zehn Tage waren erstaunlicherweise gar nicht so schlimm. Das Jahr vor ihrem Tod war sehr anstrengend gewesen, mit einem alten, kranken, inkontinenten Hund. Ich war rund um die Uhr bei ihr in diesem Jahr, schlief bei ihr, passte auf sie auf,  ging nachts um drei noch mal mit ihr raus und stand ihretwegen um halb sechs wieder auf. Insofern waren vielleicht die ersten zehn Tage tatsächlich eine Phase der Erleichterung.

Doch dann legten sich gleich zwei Riesen auf den Hinkelstein. Ich weinte drei Wochen lang rund um die Uhr durch, bis ich mich in der beinahe desaströsesten Verfassung seit meiner Erinnerung befand. Wenn ich alleine zu Hause war, schrie ich vor innerlichem Schmerz. Ich hatte weder mich noch irgend etwas unter Kontrolle und wollte lieber sterben, als diese Qualen weiter ertragen zu müssen.

Daisy war der Anker in meinem Leben. Für sie hatte ich Verantwortung. Sie gab meinem Alltag wenigstens etwas Struktur. Struktur ist für Depressive enorm wichtig. Eine Überlebensstrategie. In den schlimmen Phasen der Depression bin ich morgens nur ihretwegen aufgestanden und nach draußen gegangen. Ansonsten wäre ich einfach im dunklen Zimmer im Bett geblieben, ja.

Eigentlich hatten wir, also mein Mann und ich, gar nicht an einen neuen Hund gedacht. Schon damals, bevor Daisy kam, hatte ich ihn überreden müssen. Und dieses Mal stand ich nun da und BRAUCHTE einen neuen Hund, um weiterexistieren zu können. Es war nicht leicht, das zu erreichen.

Ende November zog Mika bei uns ein. Eine kleine, junge Mischlingshündin vom Tierschutz, ehemalige Straßenhündin aus Rumänien. Eine lustige, agile, schlaue, aufmerksame und lernwillige kleine Hundedame, die mir so unglaublich gut tut. Mika hat wieder Sinn und Freude in mein Leben gebracht. Ich hatte jedes Schreibprojekt abgebrochen, viel Zeit nur für Mika reserviert, mit ihr trainiert und gearbeitet – und wollte ab Februar am zweiten Roman weiterschreiben. Damit begann ich auch. Und ich las auch endlich Korrektur des fünften (oder schon sechsten?) Bandes der Selfkant-Anthologie unter der „Regie“ des Journalisten und Krimiautors Kurt Lehmkuhl, in dessen Schreibteam ich seit zehn Jahren fester Bestandteil bin. Der Entwurf einer neuen Kurzgeschichte lag bereit und musste von mir „nur noch“ geschrieben werden.

Kurz danach wurde mein Mann krank. Fast zeitgleich hatten wir hier im Kreis Heinsberg, wo wir wohnen, den ersten Coronafall in Nordrhein-Westfalen. Das Virus kratzte sozusagen an unserer Haustür. Eine Zeit voller Sorgen, Unsicherheiten und Veränderungen für uns alle begann.

Seitdem ist vieles anders geworden, obwohl ich eh fast immer zu Hause bin. Insofern erschien mir alles ein wenig surreal in unserem kleinen Städtchen. Gespenstisch. Wie sonst auch ging ich mit Mika raus. Wir konnten am Wochenende einkaufen fahren wie immer und bekamen auch fast alles, nur mit dem Klopapier war es etwas schwierig. Der persönliche Kontakt zur Oma beschränkte sich eine Zeitlang auf das Vorbeibringen von Einkäufen. Hier und da fiel ein Termin weg, aber sonst hatten wir mit Beschränkungen wenig zu tun.

Was mir allerdings enorm zugesetzt hat, war die veränderte häusliche Situation, obwohl sie mit Corona gar nicht im Zusammenhang stand. Theoretisch hätte es aber auch eine Zeit der häuslichen Quarantäne sein können, die uns zum Glück erspart geblieben ist. Die Krankschreibung meines Mannes belief sich über zwei Monate. Diese zwei Monate waren es, die es für mich zu überstehen galt. Meine Tagesstruktur konnte ich nicht mehr realisieren, und so etwas ist für Menschen mit Depression ziemlich schlecht.

Ein Beispiel. Üblicherweise schreibe ich im Esszimmer. Vor einigen Jahren habe ich mein ehemaliges Homeoffice aus verschiedenen Gründen gegen das Esszimmer eingetauscht. Nun ist es kein Esszimmer, wie man sich das vielleicht üblicherweise vorstellt. Schick und gemütlich, ein separater Raum. Nein. Es ist ein karges Durchgangszimmer. Jeder, der in diesem Haus in den Keller, in die kleine, offene Küche, in das Bad mit dem einzigen WC (ja, unser Klo liegt Tür an Tür mit der Küche), in den Abstellraum, den Innenhof und/oder den Garten gehen will, der muss in oder durch dieses Esszimmer. Wundern Sie sich gerne, aber ich habe dieses Haus nicht gebaut.

Wenn mein Mann tagsüber in der Firma arbeitet, habe ich in diesem Esszimmer meine Ruhe. Niemand durchquert mehrmals in der Stunde den Raum. Nur Mika ist bei mir, früher war es Daisy. Ich kann mir alles so einteilen, wie es gut ist für mich. Meine eigene Struktur entwickeln. Schreiben, Gedanken fließen lassen oder andere Dinge tun, in den Garten gehen. Ich kann mir aussuchen, wann ich mich um den Haushalt kümmere, weil ich dann niemanden störe.

Seit mein Mann krankgeschrieben ist, habe ich aufgehört zu denken. Mein Kopf ist leer, der Hinkelstein groß, der Riese lauert bereits vorm Fenster. Ich habe alles eingepackt und auf später verschoben, was ich mir vorgenommen hatte. Meine Konzentration lässt täglich mehr nach und ich komme nicht klar damit. Ich muss spontan reagieren können, was mir schwerfällt. Ich schlafe mehr, als ich sollte. Ich nehme die Dinge nur noch so hin, bin zu keinem Widerspruch mehr fähig und vergesse ständig, was ich eigentlich tun wollte.

Es ist noch lange nicht vorbei. Mein Mann, den ich übrigens wirklich liebe, also zweifeln Sie bitte nicht daran … also mein Mann arbeitet nun im Home-Office, wegen der Corona-Richtlinien der Firma. Niemand kann sagen, wie lange noch. Aber es ist für mich besser als vorher, da er eben im Büro arbeitet. Es ist ruhiger geworden, doch ich brauche noch ein wenig Zeit, um mich auf diese erneute Veränderung einzustellen.

Das Thema „Corona“ ist für mich unerträglich geworden. Corona ist überall. Mein Gefühl ist, dass es um nichts anderes mehr geht. Und das nicht erst seit Ende Februar, sondern schon viel länger. Die vielen Lockerungen bereiten mir Sorgen und ich würde Herrn Armin Laschet gerne packen und schütteln, weil ich finde, dass er es übertreibt. Wir sind noch mitten in der Krise, das Risiko wird größer, langsamere Schritte zurück in die „Normalität“ wären imho vernünftiger und sicherer für uns alle gewesen. Es mag sein, dass ich mich irre. Klar.

Die Treffen mit dem Schreibteam als Anregung, Motivation oder einfach nur zum Führen von guten Gesprächen mit lieben Menschen, die inzwischen zu Freundinnen und Freunden geworden sind, fehlen mir unsäglich. Sie waren und sind wichtig für mich. Dann ist die Depression nicht präsent, bei diesen Treffen.

Nun ist alles zu einem grauen, geschmacklosen Brei geworden. Ich schaffe nichts von dem, was ich tun müsste und sollte. Nicht beim Schreiben, nicht im Haushalt, nicht mit Mika, mit der ich noch so viel üben und trainieren wollte.

Das einzige Highlight in dieser Zeit war die positive Rückmeldung zu einer Textprobe für eine Kurzgeschichte, die Teil einer Ausschreibung für eine Anthologie werden sollte. Es war wirklich die einzige Sache, die ich außer der Reihe geschafft habe und die mir seit Beginn meines persönlichen Ausnahmezustands im Februar wirklich richtig wichtig war. Es hat mich stolz gemacht. Ja, die Teilnahme hätte mir gutgetan, mich aufgebaut, nach über zwei Monaten des Ausharrens im gefühlten Nichts.

Mir fehlte eine halbe DIN-A4-Seite. Ich habe den Abgabetermin um die lächerliche Zeit für eine halbe DIN-A4-Seite verkackt, weil ich zu erschöpft, zu leer und zu abgelenkt war.

Ja, es hat mich mitgenommen. Und ja, ich habe mich über mich selbst geärgert. Vielleicht mache ich einen Roman draus, wer weiß.

Vielleicht schreibe ich auch endlich meine Lebensgeschichte auf, deren Titel schon seit Jahren feststeht. Bis jetzt fehlte mir die Kraft dafür. Ich müsste in alten Tagebüchern lesen, alte Kalender heraussuchen, mich mit einer Vergangenheit befassen, die tief in mir vergraben ist. Beim letzten Versuch wurde der Hinkelstein zu groß, um weiterzumachen.

Aber heute. Heute war ein guter Tag. Und mein Mann kümmert sich nach dem Homeoffice-Feierabend fleißig um den Garten, weil ich es wegen des Handekzems nicht mehr tun kann. Meine Stieftochter hatte schöne neue Nachrichten beruflicher Art für uns, ich habe geputzt und … eine halbe Stunde nach Mitternacht … endlich diesen vielleicht viel zu langen Blogartikel fertiggestellt. Der Hinkelstein fühlt sich leichter an heute.

Danke fürs Lesen. Und bleiben Sie gesund.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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